Während dem 23. bis 24. März 2018 mutierte der Schiffbau und das Exil in Zürich zum Schweizer Musik-Mekka. Nebst spannenden Begegnungen mit diversen Artists und Professionals gab es einen kritischen Punkt am Anlass. Wie man alles falsch machen kann…

Das m4music Festival ist dieses Jahr einundzwanzig geworden. Juhe. Das erwachsene Line-Up ist dieses Mal geziert von Namen wie Jacob Banks, Danitsa, Trettmann, Stereo Luchs oder Romano.

Freitag, der erste Festivaltag in Zürich versprach intensive Glücksgefühle und ausgelassene Tanzeinlagen. Auf der To Do Liste standen: TOMPAUL, Veronica Fusaro, The Gardener & The Tree, Jacob Banks, All XS, Granada, Danitsa.

Nach der Entgegennahme unserer Medienpässe stürzen wir uns geradezu in die Menge. Die Besucher wirken alle noch ein wenig verkrampft. Der Sonnenschein auf dem Schiffsbauplatz wird gerade von einer Gruppe Wolken abgelöst. First Row Kid Charly* tanzt sich in seiner orangen Jacke bereits die Füsse zu Zøla & the North wund. Der Gewinner der letztjährigen Demotape Clinic in der Kategorie Urban singt mit Sicherheit und Stil. Zwischendurch meint er schmunzelnd: “den nächsten Song haben wir nicht auf dem Computer, wir müssen ihn schnell auf Spotify suchen” – na, Spotify sei Dank! Nach knapp einer Stunde beendet der Bieler mit seiner Band das Konzert auf der Openair Bühne.

*Charly ist fast jeden Tag an Konzerten in Zürich anzutreffen. Stets in der ersten Reihe, gut gelaunt und voller Tanzdrang.

Zu spät, die Erste

Es ist kurz nach 19 Uhr – bei fast allen Besucher weicht der Kaffee mittlerweile dem Bier. Die Stimmung wirkt weniger verklemmt, jedoch ist sie noch weit von ausgelassen entfernt. Es wird geredet, Visitenkarten ausgetauscht, Hände geschüttelt, Umarmungen verteilt, Interviews gegeben. Ich laufe vom Festival weg und wer erklingt im Hintergrund? TOMPAUL! Na, super! Ich muss einfach was essen und mich hinsetzen, sehr wichtig. Sonst werden die nächsten Stunden schwierig. TOMPAUL’s elektronischer Beat von Moonlight Drive ist trotz meines Weggangs hängen geblieben. Mit dem Lied in meinem Kopf lande ich bei Pommes. Mein Magen fühlt sich ein wenig gefüllter an, wenn nicht voll.

Wieder bei der Openair Bühne angekommen ist es mittlerweile dunkel, da kommt mir spontan Well Known Stranger in den Sinn (ein Projekt, bei dem es mehr als um Musik geht, und welches schlichtweg noch ein Geheimnis bleiben soll…). Ich kann euch eins sagen, ich habe ihn getroffen! Auf dem Frauen WC, in Form eines Stickers. Auch gut, er bewegt sich also doch in Zürich und nicht nur auf seinen Social Media Channels.

“Hooi Natalie”, ja hallo! Ein bekanntes Gesicht dort, ein Gespräch hier. Verdammt! Ich habe The Gardener & The Tree verpasst! Eins muss man diesem Festival lassen, nirgendwo sonst ist Schweizer Musikszene derart konzertiert vorzufinden wie hier.

Als nächstes Highlight auf meiner Liste steht Jacob Banks in der Box. Es ist 22.15 Uhr und der englische Singer-Songwriter beginnt. Das unverwechselbare Timbre seiner Stimme überzeugt mich gleichwohl. Auch wenn ich nicht in der Box bin. Nein, ich stehe davor, erste Reihe. Die Security Leute lassen mich nicht rein, “es hat schon zu viele Leute drin”. Einziger Trost, die Tür ist geöffnet, so kann ich von meinem Standort immerhin auch was zum Song Monster sehen. Nach einer ausgedehnten Wartezeit werde ich hineingelassen. Der aus Birmingham stammende Sänger ist einfach eine Wucht. Seine Songs durchströmen die Box und ziehen den kompletten Fokus auf sich. So muss es sein!

Zu spät, die Zweite

Irritiert schaue ich auf die Uhr, shit, ich muss wieder gehen. Durch meine Monster Schritte schaffe ich es fast rechtzeitig zu All XS. Ich schaue nach links, nach rechts. Oh, plötzlich haben sich alle Leute aus dem Staub gemacht. Beim Exil angekommen, reihe ich mich in die Warteschlange ein. Von weitem erkenne ich ein Gesicht. Mein Arbeitskollege grinst mir entgegen.

Die Berner Indie-Gruppe All XS hatten mich bereits letztes Jahr mit ihrem Charme und 80s Synth-Pop von The One in der Tasche. Ein Pfeilbogen war im Vergleich nichts zu meiner Spannung auf diese vier. Wegen Jacob Banks löst sich diese jedoch gleich wieder auf. Ich habe genau zwei Songs gesehen! OK, jetzt nur nicht aufregen. Dank den Warteschlangen habe ich diverse Leute getroffen, die ich sonst nie sehe. Oder so. Und ich war an der frischen Luft. Ok, es war scheisse. Dank Social Media habe ich diese beiden Songs dann auf Instagram mit unseren treuen Followern geteilt, die sicher der Annahme waren, dass ich das komplette Konzert ausgiebig genoss. Ja, da seht ihr es. Social Media ist eben doch ein Fake. Manchmal zumindest ;)

Zu spät, die Dritte

“Gehen wir wieder zur Openair Bühne?” Gute Idee, wieder zurück dahin, wo die restlichen Leute des Blogs und Kollegen sich rumtreiben. Irgendwann habe ich fast alle wieder gefunden. Und dann passiert es schon wieder! Die Zeit! Vor lauter Geschwafel und Konzerterlebnisse teilen habe ich Granada fast komplett verpasst! Wer Granada googlet kommt unweigerlich auf den Wiki-Eintrag der Hauptstadt Andalusiens. Darum unbedingt Granada Band eingeben, Facebook öffnen und liken! Die österreichische Mundart-Band hat das Exil bestens umgarnt. Wenn ich ein Konzert des heutigen Abends mit einem Date vergleichen sollte, dann wäre es der Gig von Granada. Die fünf Grazer flirten mit ihren Mundart-Songs gekonnt mit dem Publikum. Mal frech-amüsant, mal lieblich-charmant, immer mit dringlichen Blicken.

Zu kurz, nicht zu spät

Danitsa gibt uns nun den Rest. Wir haben sie alle am RADAR Festival verpasst, die Location kam damals dem Ansturm nicht gerecht. Darum sind wir beim letzten Konzert frühzeitig dort. Um 01 Uhr soll es losgehen. Betonung auf soll. Und unser Zug? Um 01.39 Uhr. Easy, dann können wir ja fast dreissig Minuten in die Tiefen der Black-Music eintauchen. Die Genferin lässt sich Zeit. Um etwa 01.15 Uhr betritt sie, vor Energie strotzend, die Bühne. Augenblicklich reagieren die Leute entsprechend darauf und schütteln ihre Köpfe im Beat abwechselnd nach links und rechts. Entsetzt stellen wir fest, dass es bereits 01.30 Uhr ist, nein, come on! Und so verlassen wir vollgepumpt mit Adrenalin das Exil. Die Vernunft hat heute gesiegt. Das liegt wohl am Alter, denn wenn man gegen die dreissig geht oder schon ist, sei man alt, wie ich an diesem Abend etwa hundert Mal gehört habe ;)

m4music Festival, du warst geil! Deine weltweite Volljährigkeit haben wir auf jeder Ebene gespürt und uns hier so hemmungslos wie man es mit dreissig halt noch kann, hingegeben. Dennoch gibt es einen Wermutstropfen. Geile Bands, interessante Leute, viele gute Gespräche, da bleibt einem kaum Zeit, Luft zu holen. 2019, wir kommen wieder.

 

Was man am m4music alles falsch machen kann
8Zu lange Wartezeiten...
Bandauftritte8
Soundqualität9
Atmosphäre8.2
Publikum8
Organisation7
Leser Bewertung 4 Stimmen
7.5