Wer am 06. April 2018 am Idaplatz in Zürich war, kennt ihn bereits: Tobey Lucas hat mit einem Guerilla-Konzert sein neues Album Little Steps And A Dream präsentiert, die Plattentaufe folgt am 11. Mai 2018 im Bogen F in Zürich. Wir haben den Country Musiker an einem Sonntagmorgen für ein Interview getroffen. Ein Gespräch über Wasser mit Zitrone, die komischsten Momente auf der Bühne und warum das Leben die besten Songs schreibt.

Deine Musik ist eine Mischung aus Country und Folk. Wie kamst du zur Musik?

Durchs Gitarrespielen. Wenn du Gitarre spielst, findest du irgendwann raus, dass die geilste Stilrichtungen zum Spielen Blues ist. Country, Rock, Metal. Das sind die Sparten, die im Moment nicht „so giiged“. Ich habe kürzlich einen Bericht gelesen von einem Musikredakteur: Die Gitarre sei tot und was weiss ich noch alles.

Dir gefällt Metal?

Im Metal gefällt mir die Energie gut. Viel Energie, mega Präzision, die Schnelligkeit und man geht immer ans Limit: Die Sänger singen extra hoch, Gitarristen spielen extra schnell. Es ist sehr viel Handwerk dabei – das gefällt mir.

Doch früher spieltest du Geige, wie kam das?

Ja. Fünfzehn Jahre. Ich komme aus der klassischen Musik. Ich habe mit fünf angefangen und habe ziemlich bald im Jugendorchester gespielt, Kammermusik gemacht. Bis zu meinem 20. Lebensjahr, dann hatte ich an der Maturafeier mein Abschlusskonzert. Sie steht immer noch zuhause. Aber ich nehme sie nicht mehr so oft in die Hände.

Integrierst du die Geige auch heute noch in deine Songs?

Habe ich schon gemacht. Ich habe einen genialen Geiger, der das viel, viel, viel besser macht als ich. Das ist der Hong – er ist super. So gut, wie ich niemals sein werde auf der Geige. Er war leider noch nicht dabei, als wir Little Steps And A Dream aufgenommen haben, aber bei den Live-Shows ist er oftmals dabei.

Wie sieht dein Durchschnittspublikum aus?

Ich bin vor allem auf die Schweiz konzentriert. Die Leute, die zu meinen Konzerten kommen und meinen Sound geil finden und die sich eine CD kaufen würden – das sind sehr musikaffine Leute. Nicht unbedingt Menschen, die eine riesige Party machen wollen. Das sind Leute, die einfach sehr gerne zuhören. Und ich habe sehr viel – ich weiss nicht, ob du mein Album schon gehört hast – aber darin hat es sehr viele Details: Es ist eigentliche eine Hommage an die Musik, ans Musikmachen und an die Gitarre. Hier in der Schweiz sind es vor allem ältere Menschen, die meine Musik hören und sich begeistern können. Nicht Generation Spotify, sondern eher dreissig plus. Das ist eine Analyse vom Schiff aus (lacht). Die schreiben mir manchmal auch: „Geiles Gitarrensolo“!

Wie war deine Tournee in Kanda? Ist schon ein paar Jahre her…

Ja, das ist schon länger her. Mit einer Indie-Band, die Jesh hiess. Das war so eine hau-drauf-Band: Viel rumgeschrien und harte Riffs. Aber es war eine geile Band! Das war noch zu Zeiten von MySpace (der Vorläufer von Facebook). Auf dieser Seite hatten wir eine Page über unsere Band und jemand aus Kanada hat uns so geil gefunden, dass sie uns für eine ganze Tournee gebucht haben. Das war der Hammer!

Glaube ich! Ist es anders in Kanada zu spielen?

Ja, ganz anders. In der Schweiz sind wir enorm verwöhnt: Sogar der kleinste Klub hat ein super PA und eine Anlage, moderne Mikrofone… In Kanada hat es einfach nichts! Keinen einzigen Abend hatte ich einen Monitor. Zum Teil hatten wir ein halbes Schlagzeug, mit dem Bass mussten wir oft direkt ins Mischpult. Einmal mussten wir die Sicherungen auswechseln. Es war immer etwas kaputt, immer haben wir improvisiert. Aber jedes einzelne Konzert war u mega geil! Das ist ein Spirit, den ich in die Schweiz mitgenommen habe. Da kannst du jeden Techniker fragen, der je mit Tobey Lucas gearbeitet hat. Ich komme und benutze meine Ohren: Wie tönt es? Was können wir hier machen? Ich bin nicht angewiesen auf eine supergute Technik. Wenn ich aber eine supergute Technik habe (was meistens in der Schweiz der Fall ist), dann habe ich natürlich Freude. Und umso mehr holen wir raus. Aber es ist nicht notwendig. Wir standen zu dritt auf dem Nyderplatz. Ohne Mikrofon. Nichts. Und alle Menschen haben es gehört und geil gefunden. Du brauchst keine perfekte Technik als Musiker, du musst nur deine Songs spielen können. Das Improvisieren habe ich in Kanada gelernt (lacht).

Wie war das Publikum in Kanada? Ebenfalls anders?

Sehr! Kanada war sehr durchmischt. Die Menschen sind ganz anders kultiviert. Einmal spielten wir ein Konzert in Ottawa. Dort war niemand! (lacht) Einfach niemand. Nur die andere Band. Das gab es auch einmal. Aber wir haben trotzdem gespielt! Oftmals hatten wir auch Hunde im Publikum. War einfach geil – ein ganz anderer Groove halt.

Willst du Solo wieder nach Kanada oder Amerika zurück?

Im Moment konzentriere ich mich auf die Schweiz. Die Schweiz ist wichtig für mich. Ich wohne ja hier. Und hier spiele ich die meisten Konzerte. Es ist mir wichtig, dass mich die Schweizer kennen. Klar wäre es geil im Ausland zu spielen. So zehn Gigs in Deutschland wären schon geil! Aber im Moment habe ich kein Bock dazu (lacht). Also es braucht halt immer viel Organisation und ich verdiene wenig dabei. Das macht man dann wirklich auch aus Leidenschaft. Vielleicht in einem Jahr dann, aber jetzt konzentriere ich mich auf die Schweiz.

Man sagt dem Schweizer Publikum oft nach sie seien etwas zurückhaltender…

Nein (lacht)! Sie beobachten einfach lieber und schauen zu. Aber sie haben genau gleich viel Freude! Und sie gehen auch ab. Ich finde, da tust du denn Schweizern Unrecht. Wenn du fröhliche Musik machst, tanzen auch Schweizer. Vielleicht erst zwei, drei Songs später….

Schreibst du deine Songs selber?

Ja, alles. Musik, Text, alles…

Was inspiriert dich? Über was schreibst du am liebsten?

Ich schreibe nicht über mich selber. Natürlich fliesst ein Teil über mich selbst hinein. Aber ich bin keiner, der viel von sich selber preisgibt in seinen Songs. Ich habe lieber Stories, finde so Charakteren sehr spannend. Ein Kollege erzählte mir eine coole Story. Er ging in ein Bordell, als junger Mann, ging mit einer aufs Zimmer. Und die Dame sagte zu ihm: „Du musst nichts bezahlen. Aber du musst mir versprechen, dass du über Nacht bei mir bleibst“. Das ist so eine schöne Geschichte, über das muss man einen Song schreiben. Solche Sachen mag ich. Jetzt habe ich auch wieder viel Ideen, also ich muss bald mal wieder schreiben. Was habe ich noch? Das ist eine gute Frage. Der Titelsong auf dem neuen Album Little Steps And A Dream, das ist die klassische Version von Johnny B. Goode der einen Song schreibt und dann weltbekannt wird. Oder Peggy Sue. Ist auch eine Story. Peggy Sue ist die Frau, die du nie bekommst. Das ist so ein Männerding. Jetzt kommt der Psychologe (lacht). Freud, der sagt, der Mann sucht immer seine Mutter in einer Frau. Es gibt in dem Leben eines jeden Mannes DIE Frau, die ihm das Herz gebrochen hat, die er überall sucht, die er aber nie haben wird. Solche Themen finde ich lustig – das ist immer mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Ein Album ist für mich immer ein wenig wie ein Film – also auch mein anderes Album ist wie ein Film für mich. Mit ganz vielen Stories.

Little Steps And A Dream erschien letzte Woche, was geschah bis heute?

Deswegen haben wir ein Guerilla Konzert auf dem Idaplatz gemacht. Die Plattentaufe ist am 11. Mai 2018. Beides zusammen wäre ein wenig zu viel geworden. Jetzt kommt dann noch Vinyl. Das ist aktuell noch in der Presse und sollte nächste Woche kommen.

Läuft das gut?

Ja. Um wieder auf die anfängliche Frage zurückzukommen: Leute die meine Musik hören kaufen Vinyl. Es ist für mich einfach das Schönste. Auf Vinyl hast du die Band bei dir Zuhause! Es ist einfach eine ganz andere Soundqualität. Darum war es auch mein Wunsch, mein Album auf Vinyl zu produzieren.

Welche Künstler haben dich inspiriert?

Meine drei Lieblingsbands – also ich sage drei plus eins. The Eagles. Das Album mit Hotel California, das ist für mich der Olymp der Musik. Das Niveau dieser Band ist einfach bis heute unerreicht. Die Harmonies, die Chöre… Es ist so perfektioniert und so gefühlvoll. Also das musst du unbedingt auschecken, falls du das noch nicht hast! Dann Tom Petty & The Heartbreakers. Absolute Lieblingsband von mir! Auch eine Gitarrenband, die mich extrem beeinflusst hat. Und Ryan Adams. Der ist so vielseitig, hat so viele Sachen ausprobiert und unglaubliche Songs geschrieben. Diese drei finde ich richtig geil! Und das plus eins ist Aerosmith. Als ich zum ersten Mal begriffen habe, was eine Band ist, noch als kleines Kind mit Windeln – da habe ich im Fernseher Aerosmith gesehen. Mir gefällt die Attitude und der Style.

Identifizierst du dich mit dem Country-Lifestyle?

Also hier in der Schweiz haben wir dann immer so ein Bild vor Augen. Mit dem Cowboy, den glitzernden Stiefeln, Chicken Wings… Das ist sicher auch ein Teil davon. Aber Country ist enorm breit. Mit sehr viel verschiedenen Ausprägungen des Stils. In der Schweiz ist das breite Spektrum des Countrys noch gar nicht angekommen. Das ist auch etwas, dass ich mir auf die Fahne geschrieben habe. Ich will die Stilrichtung bei uns populärer machen. Im Moment ist es noch ein wenig schwer. Im Radio spielen sie es nicht. Und alle haben noch ein verrostetes Bild im Kopf. Aber das kommt immer mehr. Es gibt auch immer mehr junge Bands, die das entwickeln. Es wird kommen, es braucht halt noch ein wenig Zeit. In der Schweiz braucht alles immer ein wenig länger (lacht).

Was machst du vor einem Auftritt? Gibt es ein bestimmtes Ritual?

Geht so. Ich schaue einfach immer, dass ich genug zu trinken habe. Also Wasser (lacht)! Wasser mit Zitrone. Das ist einfach gut für die Stimme. Kleiner gratis Tipp an Musiker und Leser von Music feels better together: Wenn man ein Stimmproblem hat – Ingwertee nützt nichts. Zitronenwasser – und zwar literweise – und viel Schlaf ist das Beste. Und vor dem Konzert ist es noch wichtig, dass man ein bisschen Ruhe hat.

Welches Konzert wirst du nie vergessen?

Da gibt es ein paar. Es gibt die, die gross sind. Ich habe zweimal für Amy MacDonald eröffnet. Da stehen dann 2’500 Leute vor einem. Das ist ein geiles Gefühl! Aber ich habe auch komische Sachen erlebt. Einmal in Rüsselsheim (DE) habe ich in einem türkischen Waschsalon gespielt. Vor den Waschmaschinen – das war voll weird (lacht)! Es gibt noch mehr Stories, aber die kann ich jetzt hier nicht erzählen… (lacht)