Tamino, der Geheimtipp aus Belgien, besuchte am 14. November 2018 das Zürcher Exil. In Montreux schien er die ganze Audienz zu verzaubern. Ob die Deutschschweizer sich ebenfalls gehen lassen konnten…?

Zugegebenermassen, ich freute mich abartig auf dieses Konzert. Ja richtig gelesen, abartig! Selten hat es ein Künstler geschafft mich derart in seinen Bann zu ziehen, wie Tamino damals am Montreux Jazz Festival im Juli.

Da ich die Gelegenheit für ein Interview mit Tamino in Montreux verpasste, holte ich es dieses Mal nach. Wie das genau ablief kann man hier nachlesen.

Tamino veröffentlichte am 19. Oktober 2018 sein Debütalbum Amir, lautend auf seinen zweiten Vornamen. Amir bedeutet soviel wie Prinz auf Arabisch. Die Aussichten auf eine neue Version der Setlist stehen somit gut.

Das weibliche Pendant zu Tamino – ohne Tür

Um 20 Uhr beginnt der Support Act Tanya Barany aus dem Wallis zu spielen. Wir kommen gerade rechtzeitig, sie stimmt die ersten Töne an und steht sicher in der Mitte der Bühne.

Das Publikum ist zu Beginn noch recht unaufmerksam, es wird viel gesprochen. In der ersten Reihe schlängelt sich Dominik, unser Fotograf, durch die Menschen. Ganz links steht jemand der jede Bewegung von Tanya Barany mit dem Handy festhält. Am Rand sitzend entdecke ich das erste zufriedene Gesicht – jemand der sich komplett ihrer Musik hingibt.

Ihre Stimme in Kombination mit der Gitarre und dem verhangenen, in Nebel getauchtem Licht, wirkt mystisch. Zeitweise wie das weibliche Pendant zu Tamino. Das Gitarrenspiel ist seinem sehr ähnlich. Diese Türe, die jeder in sich trägt, tief verborgen umringt von Gedanken und wirren Gefühlen, will sich dennoch öffnen. Sie zeigt einen kleinen Spalt und die willenlose Hingabe zur Musik scheint greifbar nah. Schade, ich hätte mich so gefreut sie zu öffnen.

Wenn auf der Bühne der Jackpot steht

Die Pause zwischen Tanya Barany und Tamino dauert etwa dreisisg Minuten. Während dem Auftritt von Tanya Barany hatte ich noch gut Platz vorne rechts. Doch nun drängen sich die jungen Frauen in die vorderen Reihen. Bevor Tamino überhaupt zu sehen ist, wird schon aufgeregt getuschelt und gekichert. Eine gewisse Anspannung liegt in der Luft.

Punkt 21 Uhr steht Tamino mit seiner Gitarre auf der Bühne. Die Temperatur im Raum steigt augenblicklich an. Mit Persephone beginnt der belgisch-ägyptische Sänger und lullt das Publikum schon mal mit einer Prise Erwartung ein.

Tamino wirkt nach dem ersten Song noch nicht so hypnotisierend wie damals in Montreux. Das Zürcher Publikum scheint dennoch bereits verzaubert zu sein. Mit seinem silbernen Armreif an der linken Hand, wechselt er galant die Gitarre. Sun May Shine wird als zweiter Song angespielt. Nach knapp drei Minuten sagt er “Sorry I can’t play”, zieht sich die In-Ear Kopfhörer raus und spricht auf Flämisch zu seinem Tontechniker. Dabei drückt er mehrmals auf sein Pedalboard und zupft an einigen Saiten seiner Gitarren. Er wirkt fast ein wenig nervös und genervt. Das Publikum, was bisher schweigend dastand, ruft aufmunternde Worte zu. Nach etwa zwei Minuten lässt er es komplett sein und spielt ohne In-Ear Kopfhörer weiter.

Wie lange noch…?

Bei seinem dritten Song Each Time wirkt die Stimmung langsam entspannter – ich gehe davon aus, dass ihn das mit den Kopfhörern gestört hat und er sich nicht komplett hingeben konnte. Each Time versetzt einen in eine andere Zeit. Seine orientalisch angehauchte Gitarrenkunst verleiht dem ganzen Auftritt etwas besonderes.

Mit Cigar hat er mich langsam wieder so weit. Wenn ich mich recht zurück erinnere, passierte es in Montreux ebenfalls bei diesem Song. Auch hier schwebt wieder diese Lust durch den Raum. Ich schaue mich kurz herum. Überall glückliche Gesichter, wenn nicht fast beseelt.

Sein beiges Jeans Hemd flattert bei jeder seiner Bewegung mit. Die Augen sind stets geschlossen oder nur einen Hauch geöffnet. Er ist in seiner eigenen Welt und lässt uns daran teilhaben.

Insgesamt bin ich trotzdem ein wenig enttäuscht. Natürlich, er ist ein Talent, die Stimme, seine Ausstrahlung, es passt alles. Doch bisher will sich diese Türe immer noch nicht öffnen. Meine Tür zur kompletten Schwerelosigkeit, dort wo nur der Augenblick zählt, bei der ich eins mit der Musik sein kann.

Und siehe da, kurz daran gedacht und es passiert! Bei Verses kann ich es kaum glauben. So schön, wie er auf der Bühne steht und diese warmen Töne spielt, perfekt harmonierend zu seiner Stimme. Dieser Augenblick könnte von mir aus noch eine Ewigkeit andauern.

Zurück zu den Tatsachen

Weitere Songs wie Tummy, Chambers, w.o.t.h werden gespielt. Währenddem kompletten Konzert ist das Publikum ruhig und aufmerksam. Tamino meint zwischendurch “ihr redet nicht viel. Während den Songs ist das auch wunderbar…” Als er Indigo Night spielt, fällt kurz vor dem letzten Riff ein Glas an der Bar hinunter und er zieht unmerklich seinen Daumen hoch in Richtung Bar. Ich muss lachen, ein sarkastischer Tamino? Etwas ganz ungewohntes, vor allem wenn ich an das Interview von vorhin denke…

Kurz vor 22 Uhr spielt er seinen letzten Song, seinen Hit, Habibi an. “Das ist nun mein letzter Song, auch wenn wir alle wissen, dass ich nachher für eine Zugabe nochmals kurz nach oben komme”. Bei Habibi kommt sein Falsetto besonders zur Geltung. Etwas ganz besonderes. Das Konzert wird abgeschlossen mit der Zugabe Intervals.

Schon ist es wieder vorbei! Tamino hat es erneut geschafft, einem Raum und Zeit vergessen zu lassen. Ich hoffe beim nächsten Mal werden mehr Leute kommen und ihm seine Aufmerksamkeit schenken.

 

Tamino - ungewohnt angespannt
8.6Gesamtpunktzahl
Auftritt Tanya Barany8
Auftritt Tamino9
Soundqualität8
Atmosphäre9
Publikum8.3
Organisation9