Am Donnerstag, 23. November 2017 hielt Ikone Marilyn Manson in der Samsung Hall Zürich Einzug. Welche Freakshow der Schrecken aller Schwiegermütter wohl dieses Mal ablieferte?

Marilyn Manson. Entweder man hasst ihn oder man liebt ihn. Der gebürtige Brian Hugh Warner macht kein grosses Geheimnis um seinen Künstlernamen, er vereinte kurzerhand die Namen der schönen Marilyn Monroe und den Namen des bekannten Massenmörders Charles Manson. Eine Symbiose für das „Gute“ und das „Böse“ in einer Person. Zwei seiner zusätzlichen Markenzeichen sind mit Sicherheit das geschminkte Gesicht und seine kaltblaue Linse im linken Auge. Soweit zur Kennenlernphase des Künstlers.

Untätig ist der achtundvierzigjährige US-Amerikaner trotz seiner dreiundzwanzig Karrierejahre keineswegs. Kürzlich hat er sein zehntes Album Heaven Upside Down veröffentlicht. Manson selbst beschreibt die Songs seines neusten Werks als „bedrohlich und sexy“ zugleich. Ob er zu viel verspricht?

Persönlich habe ich eine Show des Schockrockers leider noch nie erleben dürfen, auch wenn ich wenige Male kurz davor war. Einmal musste eine Openair-Show von ihm kurzfristig wegen einer Sturmwarnung abgesagt werden und ein weiteres Mal klappte es termintechnisch nicht ganz. Am heutigen Abend darf aber nichts schief gehen, komme was wolle!

Eine wahre Diva unter den Musikern

Man hört ja im Umfeld so einiges über seine spektakulären Shows und seine Launen, eine wahre Diva unter den Musikern. Sei es das Zuspätkommen bei der eigenen Show, Ausraster und Beleidigungen auf der Bühne oder frühzeitige Abgänge – die Liste ist lang. Und doch kann Manson trotz- oder gerade wegen seiner Eskapaden jedes Mal Horden von seinen treuen Anhängern mobilisieren. Somit weiss auch heute niemand, wie die Show verlaufen wird. Es bleibt spannend.

Die Zugansage verlautet „nächster Halt Stettbach“ und ich lasse mich mit einem Schwarm schwarz gekleideter Menschen aus dem Zug und in Richtung Samsung Hall treiben. Rechts, geradeaus, links und schon sind wir da, steuern direkt auf die Halleneingänge zu. Vorbei am hochpreisigen Merchstand machen wir uns ans Erkunden unserer Sitzplätze in der oberen Etage (ja genau, Sitzplätze). Nach dem Besuch bei der Bar müssen wir dann kurzerhand feststellen, dass das Mitnehmen von Essen und Getränken bei den Sitzplätzen nicht erlaubt ist – toll. Uns bleibt also nichts Weiteres übrig, als vor dem Konzertsaal zu verweilen und den teilweise herauswehenden Basstönen zu lauschen. Nun ja, der Support alias DJane Amazonica animiert mit ihren Klängen lediglich die Minderheit der Besucher zum Mitwippen, die Mehrheit heizt sich bei den winterlichen Temperaturen draussen wohl mehr auf.

Trotz vermuteter Verspätung von Marilyn Manson setzen wir uns pünktlich ins Getümmel. Man weiss ja schliesslich nie. Und tatsächlich, pünktlich um 21.02 Uhr wird der Raum eingedunkelt, der Theatervorhang ist bereits montiert und das Intro ab Tonband startet.

Der Vorhang fällt, die Fotografen freuen sich, Gekreische der Fans und aus den Boxen trällert Revelation #12. Der Künstler erscheint in einem elektronischen Rollstuhl-Thron, sein rechtes Bein im Gips. Das sind anscheinend noch die Nachwirkungen eines Unfalls beim Gig in New York, wo ihn dabei ein grösseres Bühnenrequisit übler erwischt hat und er daraufhin einige seiner Konzerte absagen musste. Er suhlt sich allerdings nicht in Selbstmitleid, sondern verlautet:

My leg is broken, but you can’t break me!

Währenddessen muss ich mich immer noch vom Pünktlichkeitsschock erholen. Allerdings bleibt mir dafür keine Zeit, denn als zweiter Song haut das Unikum gleich den Hit This Is The New Shit raus. Gefolgt von nervösen Lichtblitzen und betörenden Rauchschwaden. Ein weiterer Hit im Mittelfeld ist Kill4Me, den er ganz genüsslich ins Mikrofon säuselt.

Zwischen den Songs gibt es Lobeshymnen an Zürich, ein regelrechtes Gespucke auf den Boden und Neupositionierungen des Gipsbeines. Mal steht er auf einem Piratenbein, mal sitzt er auf dem elektronischen Rollstuhl-Thron, mal liegt er auf einer Krankenliege – jedoch immer in Begleitung der beiden „Docs“ in grüner OP-Kleidung inklusive Mundschutz. Letzteres kommt vor allem beim berühmten Song Sweet Dreams (Are Made Of This) zum Vorschein, als er sich auf der Liege räkelt während dem Singen. Dafür kommt seine schön tiefe Stimme umso besser zur Geltung – herrlich. Ab und zu gibt es noch einen ironischen Spruch an die sitzenden Zuschauer, aber wir lassen uns nicht davon beeindrucken und feiern auch in den oberen Rängen fleissig mit. Sogar eine Zugabe ist nach dem zwölften Track noch drin. Mit Say10 und The Beautiful People verhilft er seinen Anhängern zu einem gebührenden Abschluss und erntet sogar Standing Ovation.

Alles in allem bestimmt eine der besseren Shows des Schock-Musikers und ich habe mein erstes Zusammentreffen auf alle Fälle genossen. Für die geplante Zwei Stunden Show hat es zwar nicht ganz gereicht, aber Manson konnte in dieser Zeit immerhin ganze vier Mikrofone auf den Boden schmeissen und den Technikvorrat somit ein wenig mindern. Dieser ewige Kampf mit den Mikrofonen – die Hersteller freut’s! Aber man verzeiht es Manson. Jedes Mal von Neuem. Und sind wir mal ehrlich, die Fans erwarten insgeheim doch genau diese verrückten Eskapaden bei seinen Auftritten…

Setlist vom 23.11.2017

The End – The Doors song (Intro)

Revelation #12

This Is The New Shit

Disposable Teens

mOBSCENE

Sick City

Kill4Me

Deep Six

The Dope Show

Sweet Dreams (Are Made Of This)

Tourniquet

We Know Where You Fucking Live

Zugabe

Say10

The Beautiful People

Der Schrecken aller Schwiegermütter
8Gesamtpunktzahl
Künstlerauftritt8
Soundqualität8.2
Atmosphäre8.5
Publikum8.1
Organisation7.1