“Gurtenfestival, ihr seid einfach fucking geil!” So läutete der Sänger des Saint City Orchestra den zweitletzten Tag des Gurtenfestival 2018 ein.

Und Recht hatte er damit: Um 16.15 Uhr war der Platz vor der Waldbühne proppenvoll und trotz beinahe 30 Grad tanzte und hüpfte das Publikum, als gäbe es kein Morgen. Auch den Aufrufen zum Pogen und Circle-Pit-Bilden kam es brav und mit erstaunlichem Engagement nach. In dem eher Singer-Songwriter lastigen Line-Up hatte die irisch beeinflusste St. Galler Folk-Rock-Band Saint City Orchestra beim Publikum einen Nerv getroffen. Tatsächlich fühlte ich mich ein wenig in ein Dubliner Pub versetzt. Bei ihrem Hit A Toast holten sie vier Damen und einen jungen Herren zum Feiern auf die Bühne. Nebst ihren eigenen Songs spielten die fünf Männer zu etwa einem Drittel Evergreens anderer Künstler wie beispielsweise Flogging Molly, The Mumford and Sons oder Dropkick Murphys, mit deren Hit Rose Tattoo das Konzert dann auch sein fulminantes Ende fand – um 17.30 Uhr.

Eine willkommene Verschnaufpause gönnte mir das australische Geschwisterpaar Angus & Julia Stone. Die schien nicht nur ich zu brauchen: Abgesehen von ein paar wahren Fans, die sich direkt vor die Bühne gepflanzt hatten, schien sich das gesamte Publikum in sitzender Weise um die Hauptbühne herum drapiert zu haben und sich so auch sehr wohl zu fühlen. Ob Angus und Julia ihr Schaffen als Festival-Hintergrundmusik bezeichnen würden, wage ich jedoch zu bezweifeln.

Damit wir nicht eindösten beschlossen wir, dass Handlungsbedarf bestehe. Auf dem Weg zu Aurora, die auf der Zeltbühne spielte, kamen wir an Churchhill auf der Waldbühne vorbei. Warum die nicht auf der Hauptbühne spielten, ist mir schleierhaft, denn für mich klingen sie genau gleich wie Lo & Leduc. Aber die durften dieses Jahr ja auch nur auf die Bamboo-Bar, von daher hatte Churchhill sogar den Längeren gezogen.

Aurora fügte sich in die lange Reihe der Singer-Songwriter ein, in deren Zeichen der Freitag zu stehen schien. Doch mit ihrer mystisch angehauchten Musik, ihrer herrlichen Direktheit und der Pieps-Sprechstimme fiel sie dennoch positiv auf.

Von allen Acts am Festival hatte ich mich am meisten auf alt-J gefreut, die grundsätzlich auch wirklich gut waren, mit guten Musikern und guten Songs. Doch auch hier schien sich das beobachtete Muster zu wiederholen: Den Headlinern fehlt es an Pepp! Langsam beginne ich jedoch zu denken, dass es auch am Sound liegt. Während es in der Zeltbühne “scherbelet”, versteht man auf der Hauptbühne die Texte kaum. Ironischerweise ist die unbeliebte Waldbühne zur besten Bühne avanciert, die übrigens von 23 Uhr bis 00.15 Uhr von The Gardener & The Tree in Grund und Boden gerockt wurde.

Der bisher beste Act der Hauptbühne bildete meiner Meinung nach Kraftklub, die zwischen 00.30 Uhr und zwei Uhr ein Riesenaufgebot an Musikern und Tänzern auf die Bühne brachten. Zwischen all dem Singen und Tanzen blieb Frontmann Felix Brummer auch noch Zeit sich gegen Rassismus, Faschismus, Homophobie und Sexismus auszusprechen. Wenn man schon mal ein Mikrophon in die Hände gedrückt bekäme, müsse man die Gelegenheit auch nutzen, und das Publikum tat seine Unterstützung lautstark kund. Bravo und danke dafür, lieber Felix!

Güsche 2018 - Tag 3: Eben doch irgendwie fucking geil
7.4Gesamtpunktzahl
Line-Up 7
Soundqualität8
Atmosphäre7
Publikum6
Organisation9