Philipp Poisel & Band sorgte am Sonntag, 20. August 2017 für den krönenden Abschluss der Winterthurer Musikfestwochen – und überraschte mit seinem Auftritt wohl nicht nur mich.

Schon bei den ersten Tönen schwebt mir eine erste Seifenblase vor dem Gesicht durch. Die Sonne verschwindet hinter der Bühne und es wird langsam frisch. Die Umgebung stimmt sich für Liedermacher Poisel ein.

Poisel stand auf meiner „Live sehen“ Bucketlist, seit ich vor fünf Jahren ein einziges Lied gehört habe: „Eiserner Steg„. 2017 steht der gescheiterte Musiklehrer nun auf der Steibi-Bühne, ich im Publikum und man merkt nichts von seinem angeblich nicht vorhandenen Talent.

Der Deutsche mit dem Bubikopf, bringt einen bunten Querschnitt an Songs seiner letzten drei Alben nach Winterthur. Froh dabei zu sein singt er ausnahmsweise ohne Band, nur mit Akustik-Gitarre und Solo-Scheinwerfer  – eine bittersüsse Hommage an das Leben, die kurzzeitig eine sentimentale Spur hinterlässt.

Pop-Poet trotz Getuschel

Was mir bereits bei den ersten Tönen auffällt: Wenn man die Songtexte Poisels noch nicht kennt, muss man gut zuhören, um ihn zu verstehen. Was schade ist, wurde der Singer-Songwriter doch auch schon Pop-Poet genannt (zurecht). Die Texte sind oft tieftraurig oder verspielt melancholisch. Auf alle Fälle hilfreich in schwierigen Phasen oder wenn man wieder mal weinen will. Da die atmosphärischen Klängen aber auch ohne Songtext ihre Wirkung in der Gasse entfalten, ist das nicht weiter schlimm.

Während dem Konzert kann ich mich nicht entscheiden, ob Poisel den Ruhm geniesst oder ob er ihm unangenehm ist. Sein Verhalten wechselt zwischen schüchtern und unsicher, dann ist er wieder keck, spricht schnell und hastig, man versteht in kaum. Dann tanzt er wie verrückt, tanzt als gäbe es kein Morgen, hüpft umher in Rockstar-Manier.

Die Steibi ist auch ein Club

Im letzten Drittel setzt Poisel, der übrigens bei Grönemeyer unter Vertrag ist, noch einen drauf. Verwandelt doch das Konzert kurzerhand in einen DJ Auftritt und die Steinberggasse in einen Club. Trotz der guten elektronischen Einlage dauert es eine Weile, bis das Publikum auf der Gasse in Tanzstimmung kommt und sich auf den abrupten Wechsel einstimmen kann. Trotzdem – man hätte es ahnen können – das neuste Album Mein Amerika von Poisel ist überraschend elektronisch geworden (was keineswegs nicht schlechter heisst).

Mein Fazit: Poisel überraschte auf mehreren Ebenen. Mein zweites Lieblingslied Ich will nur interpretiert er für meinen Geschmack zu anders, als man es von der Platte her kennt. Auch bei Wie muss ein Mensch das ertragen, weicht er mit der Melodie stark von der ursprünglichen Version ab. Um in den vollen Genuss seiner Stimme und der Wirkung seiner Songs zu kommen, höre ich ihn mir das nächste Mal trotzdem besser Zuhause an, da es intimer und weniger hektisch ist. Nur die Seifenblasen muss ich mir dann denken.

Seifenblasen, Tanzeinlagen und der Pop-Poet mitten drin
7.9Gesamtpunktzahl
Bandauftritt7.5
Soundqualität9
Atmosphäre6
Publikum7
Organisation10