Zwei Konzerte, zwei Künstler, zwei Persönlichkeiten. Das Blue Balls Festival ist dieses Jahr in die zwanzigste Ausgabe gestartet. Am Samstag, 21. Juli 2018 mischten wir uns unter die Zuschauer des Joel Baker und Züri West Konzertes.

Der zweite Festivaltag des Blue Balls Festivals in Luzern konnte abermals glänzen. Ein ansprechendes Line-Up, gut gelaunte Besucher und Essenstände mit der kitschigen Bergkulisse im Hintergrund trumpften abermals auf.

Der Start scheint somit schon geglückt. Nebst den Hallenkonzerten, bei denen das Publikum einen Eintritt bezahlt, gibt es diverse gratis Konzert rund um das KKL und dem Hotel Schweizerhof.

Da ich vorab noch ein Interview mit dem Engländer Joel Baker führte, konnte ich in diesem Jahr nur einen kurzen Blick auf die kostenfreien Konzerte erhaschen.

Im Konzertsaals des KKL’s beginnt kurz nach 20 Uhr der kanadische Komponist Rufus Wainwright mit seinem Klavierspiel. Die Akustik in diesem Saal, gepaart mit den blauen Scheinwerfern lassen nostalgische Gefühle empor steigen. Ach, wie gerne hätte ich doch um 1800 gelebt!

Nach seinem ersten Stück justiert er den Klavierstuhl neu ein und meint dazu schmunzelnd „jetzt könnt ihr meine Muskeln bestaunen“. Ein scheues Lachen huscht durch den Saal.

In meiner Reihe hat es sich mittlerweile die komplette Entourage, inklusive Keir selbst, gemütlich gemacht. Mist denke ich mir, ich will eigentlich wieder gehen.

Nach dem dritten Stück verabschiede ich mich von Rufus und drücke mich an der Keir Crew vorbei und husche in den Luzerner Saal. Joel Baker ist ein aufstrebender Singer-Songwriter aus Nottingham. Als er letztes Jahr mit seiner magischen Ausstrahlung den kompletten Raum des AndermattLive Festivals in den Bann gezogen hat, schwor ich mir, dass ich ihn wieder sehen muss. Gesagt, getan!

Kann das passen?

Mein erster Gedanke war der gleiche, wie ihn vermutlich die meisten Besucher hatten. Joel Baker und Züri West? Kann das passen? Das Konzert der Berner sei ausgebucht, meinte eine Mitarbeiterin des Blue Balls zu mir. Ich spähte von dem Balkon hinunter in den Saal. Die meisten lassen Joel Baker wohl aus.

Kurz nach 20.30 Uhr betrat der Singer-Songwriter die Bühne. Fast schüchtern legte er sich die Set-List zurecht, platzierte seinen Hocker weiter nach hinten und knipste die Lichterkette, welche um sein Mikrofon gewickelt ist, an.

Seine Stimme nimmt langsam Tempo auf. Sie ist sein Markenzeichen und hat einen absoluten Wiedererkennungswert. Bei Songs wie Worry About Me oder Every Vessel Every Vein steigen kurzzeitig Erinnerungen an das magische Konzert in Andermatt auf. Zwischen den Songs wendet er sich immer wieder ans Publikum. Mit Auflockerungen wie der WM und dem Spiel der Schweizer Nati, versucht er das Publikum für sich zu gewinnen. Das wiederum reagiert noch sehr verhalten und anständig-desinteressiert.

Bei Story schwingt ein Groove mit, bei dem eigentlich der ganze Raum mitgehen sollte. Joel bindet das Publikum mit Singen ein. Kurz darauf covert er Ed Sheerans Shape of You, ich muss schmunzeln, den Züri West Hörern scheint der Song nicht geläufig zu sein, null Reaktion.

Und das nun eine Stunde…

Joel Baker hat Talent, er kann Singen und weiss mit dem Publikum umzugehen. Nichtsdestotrotz breitet sich ein Hauch von Enttäuschung aus. Irgendwie will so keine Stimmung aufkommen. Vermutlich sind meine Erwartungen unbewusst zu hoch gewesen. Wer weiss. Nach etwa zwanzig Minuten meinte er lachend „ich hatte vorhin ein Interview mit einer Frau und sie fragte mich, ob ich nervös sei vor heute Abend. Ich antwortete nein, es werden vermutlich nur wenige Leute kommen. Jetzt sind doch ein paar hier und ich bin nervös.“ – die Leute antworteten mit einem schüchternen Lachen.

Mittlerweile hat sich die Halle mehr gefüllt und die Geräuschkulisse der Besucher wurde langsam ruhiger. Bei seinem neuen Song, den er für seine erst kürzlich verstorbene Mutter geschrieben hatte, wechselte die Stimmung schlagartig. Der Raum horchte gebannt auf und als ich mich umsah, sah ich bei dem einen oder anderen Nachbarn eine Träne runterkullern.

Nach Further Than Feelings meinte er „eine Stunde ist schon lange. Darum verlasse ich jetzt die Bühne und komme wieder hoch. Ihr könnt mich dann unter tosendem Applaus nochmals willkommen heissen“. Schmunzelnd verliess er die Bühne und das Publikum begrüsste ihn wie abgemacht. „Hi zusammen, mein Name ist Joel Baker und ich spiele einige Songs für euch“. Die Blue Balls Besucher tauten auf und lachten beherzigt.

Nach einer Stunde verliess Joel Baker mit Snow Globe die Luzerner Bühne. Ich bin mir sicher, dass er am Schluss durch sein Können und seinen Schalk einige Zuschauer abholen konnte.

Züri West, the best?

Die legendären Berner Züri West kennt wohl jeder in der Schweiz wohnhafte Bürger. Bei mir sind es Kindheitserinnerung aus der Radio Zeit. Seit 1984 bespielt die Band um Kuno Lauener diverse Locations und Festivals der Schweiz. Das muss man zuerst einmal Schaffen. Die Stimmung ist freudig und erwartungsvoll. Der Saal rappelvoll. Um 22 Uhr steigt die Mundartsause!

Ich geniesse das Konzert nun vom Balkon aus, unten hat es mir dann doch einen ticken zu viele Leute. Kuno setzt zwischen den Songs immer wieder zu Anekdoten der guten alten Zeit an. „Charlotte Gainsbourg ist eine Freundin von mir, von ihm und ihm. Eigentlich ist sie die Freundin von uns allen. Dieser Song ist für sie“ die Band stimmt 05:55 an. Auf den drei Screens hinter den Musikern sind Bilder von Charlotte zusehen.

Die Allgemeinheit scheint in Erinnerungen zu schwelgen. An die verflossene Liebe, an gute Freundschaften, an bereits verstorbene Familienmitglieder. Auch wenn die Leute heute Abend mehrheitlich in einem anderen Semester zuhause sind als ich, spüre ich bei dem Züri West Konzert vor allem eins. Pure Aufmerksamkeit und Freude. Und so soll es doch sein!

Nach etwa eineinhalb Stunden heisst es dann Tschou zämme. Natürlich darf eine Zugabe nicht fehlen und so kommen die sechs Männer nochmals auf die Bühne und geben I ha di gärn gha zum Besten. Ein Paar vor mir, schätzungsweise in den Mittvierziger, lässt sich zu den Klängen treiben und klatscht freudig mit. Grossenteils macht es ihnen die Masse gleich und bewegt sich hemmungslos im Takt. Nach Verabschiedemimau ist dann endgültig Schluss.

Ein schalkhafter Joel Baker und die bodenständigen Züri West vereinten zwei Welten und machten das Beste daraus.

 

Wenn Schalk auf geschenkte Herzen trifft
8.5Gesamtpunktzahl
Auftritt Joel Baker8.5
Auftritt Züri West8.5
Soundqualität9.5
Atmosphäre8
Publikum 7
Organisation9.5