Der Bündner Mundartsänger Kaufmann sorgt derzeit mit dem Song Lisa für Furore auf Spotify. Von Null auf Platz 1 in den Viral Charts – am 23. Februar 2018 erscheint sein Debütalbum König vu dr Nacht. Wir trafen den sympathischen Liedermacher auf ein Bier.

Spontan ist Reto Kaufmann alias Kaufmann alleweil. Einen Tag zuvor fragte ich ihn für ein Interview an, die Antwort folgte prompt: “Miar hen erscht im März wieder en Gig in Züri. Wär aber sus morn Obig eh in Züri, denn chöntemer es wo abmacha” – gesagt, getan.

Platz in einem Lokal an einem Freitagabend spontan zu finden ist schwierig. In Zürich sowieso. Vor dem Franzos haben wir abgemacht. Bereits am Central sehe ich den Sänger Kaufmann, seine verwuschelten Haare stechen mir sofort ins Auge. Ich gehe auf ihn zu, gebe ihm die Hand, er grüsst mich freundlich und ein wenig schüchtern zurück. Das vereinbarte Café erweist sich als ungeeignet, es gibt keinen Platz mehr. Nach einem kurzen Lauf durch das Niederdorf finden wir dann doch noch ein Plätzchen in einer gemütlichen Bar.

Nach dem Bestellen der Getränken blickt Kaufmann mit leicht träumerischen Blick durch den Raum. Der Wahlchurer lebt mittlerweile seit fünf Jahren in der Hauptstadt Graubündens.

Wie kommt es, dass der Siebenundzwanzigjährige seit 2015 als Kaufmann unterwegs ist, jedoch noch nie etwas veröffentlicht hat? “Kaufmann ist mein Solo-Projekt, davor habe ich in zwei Bands gespielt, wollte jedoch was Neues starten. Wir haben die letzten Jahre vor allem viel zusammen im Proberaum gejammt.”

Seine Inspiration holt sich Kaufmann aus englischen Songs, dass er Mundart singt hat sich durch seinen Kumpel ergeben. Die Texte sind persönlicher, wirken mehr, da das Publikum sie auch versteht. Die sehnigen Hände von Kaufmann umklammern das Bierglas währenddem er spricht, die dunklen Augen blicken wach hinaus als er antwortet, “Bei meinem ersten Mundart Auftritt fühlte ich mich nackt, da die Texte sehr intim sind, daran musste ich mich zuerst einmal gewöhnen”.

Der Bündner Dialekt ist eine angenehme Abwechslung in der Schweizer Mundartszene, er kommt allgemein eckiger daher, keinesfalls arrogant. Zusammen mit der ehrlichen Stimme von Kaufmann bleibt Lisa unweigerlich hängen. Doch wer ist eigentlich diese Lisa? Gibt es sie wirklich und weiss sie, dass über sie gesungen wird? Schmunzelnd antwortet Reto: “Lisa gibt es wirklich. Der Song ist sehr direkt und eingängig. Der Titel entstand nach dem Feiern, um 3 Uhr morgens, mit Liebeskummer. Am nächsten Morgen überarbeitete ich die Melodie und hierbei entstand dieser Happy-Einfluss. Wenn sie sich den Track angehört hat, weiss sie sofort, dass über sie gesungen wird.”

Auf dem Debütalbum König vu dr Nacht werden ebenfalls einige Namen fallen, wie Fredi, dieser ist jedoch fiktiv. Allgemein werden die einzelnen Lieder weniger direkt als Lisa daher kommen, auch Themen, über die oft nicht gesprochen wird, liegen im Fokus: “Die Einflüsse und Geschichte bei König vur dr Nacht handeln von mir und meinem Umfeld. Nebst der Euphorie durchlebte ich auch Phasen der Depression, das Alleinsein bis hin zum Exzess”. Die Songs entstanden zusammen mit seiner Band. Mit einer Grundidee der Melodie und einem Text geht er jeweils zu seinen drei Bandkollegen und kreiert seine ganz eigenen Songs.

Obwohl er selbst aus einer unmusikalischen Familie stammt, kristallisierte sich seine Musikaffinität früh heraus. Bereits im Kindesalter sang der in Pfäfers aufgewachsene Musiker leidenschaftlich gern. Nebst den vielen Schafen gab es da auch eine Gitarre – und diese Gitarre brachte den Ball ins Rollen. Nachdem Kaufmann sich das Gitarrespielen selbst beigebracht hatte, wurden diverse Nirvana Songs gecovert. Später zusammen mit seinem guten Freund Manu auf dem Dachboden des damaligen Schlagzeugers. Das ganze Dorf hörte ihre Punk-Covers. Erste eigene Songs folgten im Teenageralter.

Zusammen mit Manu und den anderen Bandmitgliedern gewann Kaufmann den letztjährigen bandXost. In seinem schwarzen Pullover, der gleiche wie er auf dem Cover von Lisa trägt, gibt er in ruhigem Ton bekannt: “Durch den Sieg am bandXost konnten wir uns einige Gigs an den Festivals sichern, wie zum Beispiel das St. Gallen oder Lumnezia Open Air.”

Die Getränke sind leer, das Nachtleben rückt näher, wir bezahlen und gehen langsam hinaus. “Wir geben zwei Plattentaufen – einmal in St. Gallen, da Manu hier studiert und ich dort einige Freunde habe und einmal in Chur, wegen den restlichen Bandmitgliedern und weil wir dort den Bandraum haben” erklärt mir Reto mit seiner selbstgedrehten Zigarette rauchend in der Hand. Ich verabschiede mich von Kaufmann und er verschwindet in der Dunkelheit Zürichs, wie ein König vu dr Nacht.