Ein grosser Teil der Faszination des Debütalbums der Insecure Men liegt in seiner Entstehungs­geschichte: Saul Adamczewski und die Fat White Family, Drogenmissbrauch, temporärer Rauswurf, Entzug, Soloaufnahmen auf einem Tascam-Recorder, neues Projekt. Andererseits: Die Songs der Insecure Men überzeugen auch ohne diesen Rahmen.

2015 war es als Saul Adamczewski, Gitarrist und Sänger der Londoner Rock-Band Fat White Family, aufgrund zunehmenden Drogenkonsums von seiner Band – selbst alle keine Kinder von Traurigkeit – gefeuert wurde. Die Geburtsstunde der Insecure Men. Denn für ihn folgten: Lange, schwierige Monate, dann Entzug und neue Musik. „Gesunde Musik“, wie er selbst sagt. Mit an Bord ist Ben Romans-Hopcraft, alter Kumpel und Frontman der Band Childhood.

Mein erster Kontakt mit Insecure Men war, unvertraut mit dieser Geschichte, eher unspektakulär. Ich bin zufällig über die Single Teenage Toy gestolpert, war angetan und wurde neugierig. Die kindliche Fröhlichkeit, die übereinander gelagerten Schichten, die exotisch angehauchte Perkussion; all das hat mich an die frühen Animal Collective erinnert. Jedoch: Zuckersüsse statt Psychedelia. Nun, es ist auf Insecure Men nicht alles so kindlich süss wie Teenage Toy, aber eine gewisse Behaglichkeit in der Musik zieht sich durch das ganze Album. Das Unbehagliche steckt in den Texten.

Süsse und Melancholie

Saul besingt darin die Pädophilie des Gary Glitter (Mekong Glitter) sowie den Tod von Whitney Houston (Whitney Houston and I). Man spürt stets das Ungemütliche, die Freude an der Irritation: Nirgends auf dem Album ist die Musik so tanzbar wie auf I Don’t Wanna Dance (with My Baby). Es ist genau diese Diskrepanz zwischen Musik und Text, welche dem Album seine Tiefe verleihen. Auf der einen Seite die warmen, teils süsslichen Melodien im mit Perkussion, Orgel, Saxophon und Electronica angereicherten Lounge-Pop-Gewand, auf der anderen die nach­denklichen, teils irritierenden Texte. „Pretty music with a dark underbelly to it“, hat Saul selbst einmal dazu gesagt.

Der Opener Subaru Night beginnt mit einem perkussiven Drum-Beat, Orgel und Vibraphon gesellen sich dazu und geben dem Lounge-Pop einen exotischen Einschlag. Irgendwann übernimmt das Saxophon die Gesangsmelodie, es folgen „Uhh’s“ und „Ahh’s“. Herrlich! All Women Love Me mit seinen wunderbaren 60’-Harmonien könnte hingegen fast schon von den Beach Boys stammen. Das erwähnte I Don’t Wanna Dance (With My Baby) weckt mit seinem Drum-Beat „Da Da Da“ Assoziationen und erbaut darauf einen wunderbaren Pop-Song. Gegen Ende des Albums übernehmen auf Cliff Has Left the Building wieder lounge-artige Orgel­töne, perkussive Begleitung und schwebende Gesänge. Am Ende von Whitney Houston and I gesellt sich auch noch ein Kinderchor hinzu. Es ist der Moment, in dem man denkt: Vereinzelt hätten es auch etwas weniger Schichten in der Produktion getan. Die Songs würden damit auskommen.

Übrigens: Die Fat White Family und Saul haben sich mittlerweile wieder versöhnt. Zu sehen und zu hören war die Familie unter anderem am wunderbaren NOX ORAE Festival in La Tour de Peilz.

Die kleine neue Londoner Supergroup
7.8Gesamtpunktzahl
Gänsehautfeeling8
Spannung7
Länge8
Aufnahmequalität8